Auch wenn ich hier mal weggehe: Das wird immer auch ‘mein’ Raum bleiben

Was wurde eigentlich aus den Spendengeldern der afendis Benfiz Vernissage?

Wir haben einfach mal nachgeschaut. Ohne An- meldung. Zu Besuch im Bilsuma.

Im Norden Münchens steht der einzigste Bildungssupermarkt der Stadt. Man findet ihn in den oberen Stockwerken eines gelben Schulgebäudes am Ende der Paulckestraße im Stadtteil Hasenbergl. Wenn man in der Pause dort über den Schulhof des Sonderpädagogischen Förderzentrums geht, wird der Begriff „Multi-Kulti“ zu einer lebendigen und fröhlich herumflitzenden Menge aus Kindergesichtern, Beinen und Schultaschen. Zu Besuch in der Paulcke-Schule im Hasenbergl

Und man denkt automatisch nach über Dinge wie Zukunft, Integration und Chancen- gleichheit. Damit dies nicht nur geflügelte Worte sind, sondern am Ende des Tages etwas dabei herauskommt ist sehr viel harte Arbeit notwendig. Davon kann Susanne Korbmacher, die erste Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins „ghettokids – Soziale Projekte e.V.“, ein langes Lied singen. Der Bildungs-supermarkt, kurz Bilsuma, war ihre Idee.

Und nun wollen wir mal einen Blick dort hineinwerfen. Betritt man das Schulgebäude mit dem schwarzen Steinboden und den hohen weißen Wänden, kommt man gleich hinter dem Windfang rechts an einer Türe im Gang vorbei. Die Klasse, die dort ihr Zimmer hat, hat ein Schild daran gehängt. „Einer für alle – alle für einen“, ist dort zu lesen. Ein leichtes Lächeln auf den Lippen gehe ich in den ersten Stock Richtung Sekretariat, um Frau Korbmacher zu suchen.

Beladen mit aktuellen Tagesaufgaben und wie immer voll in Aktion trifft sie fünf Minuten später am Lehrerzimmer ein. Sie müsse gleich wieder weg auf eine Veranstaltung, die Firma Berger wäre heute hier. Ich trage meine Bitte vor, den BiLsuma zu sehen. Offiziell habe ich keinen Termin und es wusste auch niemand, wann genau ich dort ankomme. Sie führt voraus, erteilt unterwegs ein halbes Dutzend Anweisungen an Schüler, tröstet und organisiert. Herzblut. Voller Einsatz. Kostas & Elena, das Team vom Bilsuma

Am Kopfende eines Gangs unterm Dach kommen wir schließlich an eine Türe. Frau Korbmacher verab- schiedet sich, nachdem sie mir die beiden Schüler im Bilsuma vorgestellt hat. Die würden mir alles zeigen.

Eigentlich ist der Raum viel zu klein für den Zweck. Trotzdem ist man sehr beeindruckt. „Wir haben leider nicht mehr Platz im Moment für all die Sachen“, erklären mir Elena und Kostas. Die beiden leiten den Bildungssupermarkt, eine Mischung aus Bibliothek, Mediathek und Ausleihort für Unterrichtsmaterial. Kostas ist jetzt in der neunten Klasse, Elena in der Achten. Stolz zeigen sie mir ihr Reich. Der Raum ist bis zur Decke vollgestopft mit allem, was das Schüler- und Lehrerherz begehrt. In hohen Regalen und Vitrinen stehen unzählige Bildbände, Lexikas, DVDs, Dokus, GEO, Lernhefte, Unterrichtsmaterial in allen möglichen Sprachen, Kinderbücher, Abenteuerromane, Lehrmittel und unterrichtsbegleitende Rate- und Lernspiele. Alles ist sorgsam beschriftet und in Rubriken unterteilt.

Weil die Stadt München den Einkauf neuer Materialien dieser Art nicht annähernd decken kann, ist der BiLsuma 2005 unter Federführung von Susanne Korbmacher entstanden und organisiert seitdem die Beschaffung über Spenden. Auch die afendis AG in München konnte im Dezember 2009 durch eine Benefitz-Veranstaltung 2200 Euro für neue Bilsuma-Materialien zusammen bekommen. Jeder kann seinen Teil beitragen.

Multi Kulti Lingual„Bevor das hier alles entstanden ist, war das eine Art Speicher, eher eine Rumpelkammer. Total vollgestellt“, erzählt Kostas. Er und Elena machen den Job als Verantwortliche für den Verleih ehrenamtlich und zusätzlich zu ihren normalen Unterrichts-stunden. Und bleiben oft den ganzen Nachmittag hier.

Sie können nur annähernd schätzen, wie viele Stücke sich hier befinden. Wahrscheinlich weit über 10.000, denn fast alle Regale sind zwei- oder sogar dreireihig bestückt. Lehrer und Schüler können sich die Sachen als Anschauungsmaterial mit in den Unterricht oder sogar mit nach Hause nehmen. Im Gegensatz zu einer Leihbücherei werden auch keine Strafgebühren erhoben, wenn einmal etwas nicht schnell genug zurück gebracht wird. „Wir schreiben dann halt einen Brief, dass wir die Sachen zurück brauchen“, sagt Kostas. Geld für derartige Zahlungen ist in den meisten Familien der Schüler hier sowieso Mangelware und kann sinnvoller verwendet werden.

Die beiden entwickeln auch eigene Ideen für neuen Stoff. Kostas hat sich zuletzt das Thema „Dinosaurier“ überlegt und Materialien über die Urzeit und seine Bewohner zusammengestellt. Man merkt genau, dass er und Elena sehr stolz sind Elena & Kostas am Computertischauf das Projekt und ihre Arbeit hier. Wenn Kostas mit der Schule dieses Jahr fertig sein wird, übernimmt Elena dann mit einem anderen Mädchen die Betreuung des Bilsuma.

Kostas blickt erst ein wenig wehmütig drein, als das Thema zur Sprache kommt, lächelt aber dann tapfer und seine Augen glänzen sofort wieder. „Auch wenn ich dann hier mal weggehe, wird das immer auch ‘mein’ Raum bleiben“, sagt er.

Es gibt aber schon Pläne, das erfolgreiche Projekt zu erweitern. In wenigen Monaten wird das eine Zimmer einfach aus allen Nähten Platzen. „Frau Korbmacher hatte darum die Idee, eine Wohnung hier in der Nähe im Hasenbergl anzumieten oder sogar ein Haus“, sagt Elena. „Dort könnten wir dann viel mehr unterbringen, auch gleichzeitig mehr Schüler reinlassen. Und vielleicht auch für andere Schulen in der Nähe unseren Dienst anbieten“, erklärt sie.

Nachdem Kostas sich verabschiedet, weil er wieder zum Unterricht muss, zeigt sie mir noch schnell das Klassenzimmer der Förderklassen. Diese sind relativ klein hier, 16 Jungen und Mädchen sind es bei Elena. Im Klassenraum sind die Tische und Stühle zusammengerückt für die Gruppenarbeiten und auch hier sind die Bänke und Regale voll mit Lehrmitteln, Büchern und Lexikas. Auch ein Klavier steht dort. Elena lächelt. Sie kann ein wenig spielen. Hatte ElenaKeyboard Unterricht. So oder so ähnlich kann also auch ein Stück Zukunft aussehen. Hierfür etwas zu spenden war eine gute Entscheidung, denke ich, nachdem mich Elena wieder nach unten zum Ausgang geführt hat.

Und ich nehme mir auf dem Heimweg fest vor: Es wird dieses Jahr ein Sommerfest geben und eine neue Benfiz Veranstaltung. Für mehr Bücher, einen neuen Raum und damit Frau Korbmacher und Schülerinnen und Schüler wie Elena und Kostas ihren Job weitermachen können. Getreu dem Motto: “Immer da sein, wo es weh tut”.

Bildquelle: Oliver Ückerseifer

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